Selbstführung – Warum tue ich mir das eigentlich an?

September 3, 2026

Selbstführung – Warum tue ich mir das eigentlich an?

Auch nach über 25 Jahren Selbstständigkeit frage ich mich manchmal: Warum tue ich mir das eigentlich an?

Zwischen Auftragsflauten, Selbstzweifeln und grosser Leidenschaft erzähle ich, was mich trotzdem immer wieder weitermachen lässt und weshalb ich meine Freiheit nicht mehr hergeben möchte.

INHALT

ARTIKEL TEILEN
LinkedIn
Facebook

Seit mehr als 25 Jahren bin ich selbstständig.

Man könnte meinen, nach so langer Zeit hätte ich die Sache im Griff. Dass ich souverän über kleineren Auftragsflauten, Kritik und misslungenen Ideen schwebe. Dass mich nichts mehr aus der Ruhe bringt.

Schön wär’s.

Denn auch nach über 25 Jahren verfolgt mich hin und wieder dieser eine Gedanke:

Warum tue ich mir das eigentlich immer noch an?

Gerade gestern war es wieder so weit.

Der Grund war dieses Mal ziemlich banal: Ich könnte gerade noch einen Auftrag gebrauchen. Nicht irgendwann. Jetzt wäre schön.

Denn so sehr ich meine Freiheit liebe, von Leidenschaft allein lassen sich weder Raummieten noch Weiterbildungen, Versicherungen oder die Pensionskasse bezahlen. Und meine Ferienfinanzierung funktioniert nach einem ausgesprochen einfachen Prinzip: Bin ich weg, kommt nichts rein.

Willkommen in der Selbstständigkeit, auch nach mehr als 25 Jahren!

KAPITEL 01

Zwischen «Ich liebe meinen Job» und «Ich schmeisse alles hin»

Es braucht bei mir manchmal erstaunlich wenig, damit sich dieses kleine innere Drama in Gang setzt.

  • Ein Auftrag kommt nicht zustande. 
  • Eine Idee funktioniert nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. 
  • Jemand kritisiert meine Arbeit. 
  • Oder der Kalender weist plötzlich verdächtig viele weisse Flächen auf.

Und schon meldet sich die innere Stimme:

«Vielleicht solltest du das Ganze einfach lassen.»

Sie ist jeweils sehr überzeugend. Zumindest für ungefähr zehn Minuten.

Dann atme ich durch und erinnere mich daran: Ich liebe meine Arbeit.

Nicht ein bisschen, sondern richtig.

Ich bin passioniert, neugierig und mit ganzem Herzen bei der Sache. Wenn ich einen Auftrag übernehme, gebe ich alles. Manchmal vermutlich etwas mehr als alles – falls das mathematisch überhaupt möglich ist.

KAPITEL 02

Meine Kundinnen und Kunden passen zu mir

Ich bin überzeugt: Zu mir kommen die Menschen und Organisationen, die zu mir passen.

Führungspersonen, Geschäftsleitungen und Teams, die etwas bewegen wollen. Menschen, die bereit sind, hinzuschauen, Klarheit zu schaffen und auch unbequeme Themen anzupacken.

Sie fordern mich heraus. Manchmal sehr.

Es gibt Aufträge, bei denen ich zunächst denke: Ui, das wird anspruchsvoll.

Dann arbeite ich mich hinein, denke nach, verwerfe, entwickle weiter, stelle Fragen und suche nach dem Punkt, an dem Veränderung möglich wird. Genau diese Aufgaben bringen nicht nur meine Kundinnen und Kunden weiter. Sie lassen auch mich wachsen.

Ich lerne mit jedem Mandat dazu. Über Menschen, Organisationen, Führung und über mich selbst.

Das ist für mich eines der grössten Geschenke meiner Selbstständigkeit.

KAPITEL 03

Freiheit. Dieses wunderbar missverstandene Wort

Ich habe mich selbstständig gemacht, weil ich Freiheit liebe.

Theoretisch.

Praktisch bedeutet diese Freiheit manchmal auch: Ich darf völlig selbstbestimmt entscheiden, ob ich am Sonntagvormittag, am Sonntagnachmittag oder doch lieber am Sonntagabend arbeite.

Niemand zwingt mich dazu. Ausser vielleicht mein eigener Anspruch.

Trotzdem würde ich diese Freiheit nie wieder hergeben wollen.

Ich bin meine eigene Chefin. Ich entscheide, welche Aufträge ich annehme, mit wem ich zusammenarbeite und welche Ideen ich verfolgen möchte. Ich suche mir meine Geschäftskontakte, meine Unterstützung und meine Austauschpartnerinnen und Austauschpartner selbst aus.

Und wenn ich eine Pause oder eine Auszeit brauche, muss ich keinen Ferienantrag stellen. Ich muss mich bloss mit meiner Chefin einigen.

Das gelingt meistens. Wir kennen uns schliesslich schon länger.

KAPITEL 04

Der Preis der Selbstständigkeit

Natürlich hat diese Freiheit ihren Preis.

Ich bin für alles selbst verantwortlich. Für die Arbeit mit meinen Kundinnen und Kunden ebenso wie für Akquise, Administration, Marketing, Weiterbildung, Raummieten, Versicherungen und Altersvorsorge.

Und meine Gedanken kennen keine offiziellen Bürozeiten. Ein Kundenthema kann mich beim Spazieren, beim Abendessen oder mitten in der Nacht beschäftigen. Gute Ideen halten sich leider selten an meinen Kalender.

Würde ich in einem Unternehmen eine Topkaderposition übernehmen, würde ich vermutlich mehr verdienen. Als Selbstständige zahle ich vieles selbst und verdiene nichts, wenn ich Ferien mache.

Ist es das wert?

Für mich: ja.

Denn ich werde mit etwas bezahlt, das auf keiner Lohnabrechnung vollständig sichtbar wird: mit Sinn, Entwicklung, Begegnungen und Freiheit.

KAPITEL 05

Was würde mir fehlen?

Wenn ich morgen aufhören würde, würde mir viel fehlen.

Die Herausforderungen. Das Verlassen meiner Komfortzone. Die spannenden Kontakte. Die intensiven Begegnungen. Die Gespräche, nach denen plötzlich etwas klarer ist als zuvor.

Mir würde der Moment fehlen, in dem eine Führungsperson erkennt: Jetzt weiss ich, was zu tun ist.

Mir würde fehlen, wenn eine Geschäftsleitung einen festgefahrenen Knoten löst oder ein Team wieder miteinander statt übereinander spricht.

Und mir würde mein eigenes Wachstum fehlen.

Denn meine Kundinnen und Kunden beauftragen mich nicht nur. Sie entwickeln mich weiter.

KAPITEL 06

Was mich durch schwierige Phasen trägt

Wenn es schwierig wird, helfen mir Gespräche mit meiner Familie und Freunden. Menschen, die zuhören, einordnen, ermutigen und manchmal auch liebevoll relativieren.

Vor allem trägt mich aber die Überzeugung: Ich habe mir dieses Leben selbst ausgesucht. Und ich will es immer noch.
Zugegeben, nicht jeden einzelnen Tag gleich enthusiastisch. Aber grundsätzlich und aus tiefstem Herzen.

Wenn der Frust besonders gross ist, atme ich erst einmal durch.

Und dann hilft mir eine Frage, die mir meine Freundin Brigitte mitgegeben hat:

Wie wäre es möglich?

Diese vier Worte verändern meinen Blick.

Sie holen mich weg von:

  • Warum klappt es nicht?
  • Was läuft schon wieder schief?
  • Soll ich nicht einfach alles hinschmeissen?

Und sie lenken meinen Blick auf das, was ich beeinflussen und gestalten kann.

Manchmal entsteht daraus eine neue Idee. Manchmal ein Telefonat. Manchmal eine Kurskorrektur. Und manchmal die Erkenntnis, dass es gerade gar keine schnelle Lösung braucht, sondern schlicht etwas Geduld.

Danke, Brigitte. Diese Frage hat mich schon einige Male vor dem inneren Geschäftsschluss bewahrt.

KAPITEL 07

Das Leben ist kein Ponyhof

Was möchte ich anderen mitgeben, die gerade kurz vor dem
Aufgeben stehen?

Zuerst: Es ist normal, dass es solche Momente gibt.

Selbstständigkeit ist keine endlose Erfolgsstory mit Laptop
am See, perfektem Kaffee und permanenten Glücksgefühlen. Sie ist eine
Achterbahn. Es geht hinauf, hinunter, manchmal kopfüber und gelegentlich fragt
man sich, weshalb man überhaupt eingestiegen ist.

Deshalb: Bleib dran. Aber nicht blind.

Erinnere dich an deine intrinsische Motivation.

  • Warum hast du angefangen?
  • Was liebst du an deiner Arbeit?
  • Was würdest du vermissen?
  • Für wen macht dein Wirken einen Unterschied?

Und dann prüfe ehrlich: Stimmt dein ursprüngliches Warum noch? Oder braucht es eine Anpassung?

Dranbleiben bedeutet nicht, stur immer gleich weiterzumachen. Manchmal bedeutet es, die Richtung zu ändern, Unterstützung zu holen oder etwas loszulassen, das nicht mehr passt. Aber triff diese Entscheidung nicht mitten im tiefsten Frust.

Atme zuerst durch. Sprich mit Menschen, die dich kennen.
Schlafe darüber. Und frage dich: Wie wäre es möglich?

Ich jedenfalls bleibe noch ein bisschen auf dieser Achterbahn.

Auch wenn ich gestern kurz aussteigen wollte.

Heute gefällt mir die Aussicht wieder ziemlich gut.

Die Idee zu diesem Blogbeitrag bekam ich von Céline Tüyeni.

https://www.linkedin.com/in/celine-tueyeni-textemitziel/

Aus dem Blog

Newsletter-Anmeldung

Führen mit Klarheit beginnt hier.

Du willst Menschen bewegen – ohne dich selbst zu verlieren?
Im Newsletter „Klartext. Führung.“ bekommst du alle zwei Wochen klare Impulse für deinen Führungsalltag: