In meinem letzten Newsletter ging es um laterale Führung, also darum, Menschen zu führen, ohne ihnen hierarchisch vorgesetzt zu sein.
Heute möchte ich dir zeigen, wie anspruchsvoll das in der Praxis sein kann.
Vor einigen Wochen sass ein Betriebsleiter bei mir.
Er leitet einen Standort und trägt die Verantwortung dafür, dass der Betrieb funktioniert. Gleichzeitig ist er auf die Zusammenarbeit mit HR, Facility Management, Administration und weiteren zentralen Diensten angewiesen.
Sein Problem: Viele der Menschen, die er für gute Ergebnisse braucht, sind ihm gar nicht unterstellt.
Und genau das sorgte zunehmend für Frust.
Seine Frage an mich: «Wie bringe ich diese Mitarbeitenden endlich dazu, mitzuziehen? Insbesondere diejenigen, die gar nicht wollen?»
KAPITEL 01
Die Situation
Der Betriebsleiter war überzeugt, dass einige Mitarbeitende schlicht nicht mitziehen wollten.
Er hatte das Gefühl, ständig hinterherlaufen zu müssen. Und je weniger Wirkung er erzielte, desto mehr versuchte er:
- zu erklären,
- zu argumentieren,
- zu erinnern,
- nachzuhaken.
Mit immer weniger Erfolg. Sein Frust wuchs.
Und mit ihm die Überzeugung: «Die anderen wollen einfach nicht.»
KAPITEL 02
Der blinde Fleck
Ich hörte ihm eine Weile zu. Dann fragte ich: «Sind diese Mitarbeitenden überhaupt deine Mitarbeitenden?»
Er schaute mich an. Kurze Pause. «Eigentlich nicht.»
Da lag sein blinder Fleck. Er trug Verantwortung für das Ergebnis und verhielt sich deshalb unbewusst so, als hätte er auch die entsprechende Weisungsbefugnis. Hatte er aber nicht.
Er versuchte, über Druck und Beharrlichkeit Einfluss zu gewinnen, obwohl er sich in einer lateralen Führungsrolle befand.
Und dort gelten andere Spielregeln:
KAPITEL 03
Die Klärung im Coaching
Dann stellte ich ihm eine zweite Frage: «Warum sollten die anderen dein Anliegen höher priorisieren als ihre eigenen Aufgaben?»
Wieder wurde es still. Dann sagte er: «Eigentlich haben sie dafür gar keinen Grund.»
Das war der entscheidende Perspektivenwechsel.
Vielleicht arbeiteten die anderen gar nicht gegen ihn. Vielleicht arbeiteten sie schlicht für etwas anderes.
- HR hatte eigene Ziele.
- Facility Management ebenfalls.
- Die Administration auch.
Jeder Bereich hatte eigene Aufgaben, Prioritäten und Verantwortlichkeiten.
Also schauten wir genauer hin:
- Welche Interessen verfolgen die einzelnen Bereiche?
- Wo gibt es ein gemeinsames Ziel?
- Welche Erwartungen wurden tatsächlich ausgesprochen?
- Welche wurden lediglich vorausgesetzt?
- Wer ist wofür verantwortlich?
- Wo braucht es verbindliche Absprachen statt noch mehr Druck?
Plötzlich ging es nicht mehr um: «Wie bringe ich die anderen dazu?»
Sondern um: «Was müssen wir miteinander klären, damit Zusammenarbeit möglich wird?»
Und genau darin lag der Unterschied.
KAPITEL 04
Konkrete Erkenntnisse für Führungskräfte
Dieser Fall zeigt für mich sehr schön:
Verantwortung bedeutet nicht automatisch Weisungsbefugnis.
Gerade in bereichsübergreifenden Strukturen, Projekten oder Matrixorganisationen sind Führungskräfte zunehmend darauf angewiesen, Einfluss ohne formale Macht zu nehmen.
Das verlangt einen anderen Blick auf Führung.
- Nicht vorschnell Widerstand unterstellen
Wenn jemand dein Anliegen nicht priorisiert, bedeutet das nicht automatisch, dass die Person gegen dich arbeitet.
Vielleicht hat sie schlicht andere Ziele und Verantwortlichkeiten. - Interessen vor Positionen klären
Frag nicht nur: «Was will ich?» Sondern auch: «Was ist meinem Gegenüber wichtig?» - Erwartungen nicht voraussetzen
Was für dich selbstverständlich ist, muss für die andere Person noch lange nicht klar sein.
Ausgesprochene Erwartungen schaffen Verbindlichkeit.
Unausgesprochene Erwartungen schaffen Enttäuschungen. - Gemeinsame Ziele sichtbar machen
Laterale Führung funktioniert nicht über: «Du musst.»
Sondern viel stärker über: «Was wollen oder müssen wir gemeinsam erreichen?»
KAPITEL 05
Der Klarheitsimpuls
Vielleicht gibt es auch in deinem Führungsalltag jemanden, über den du dich immer wieder ärgerst.
- Weil die Person nicht reagiert.
- Nicht liefert.
- Andere Prioritäten setzt.
- Oder scheinbar einfach nicht mitzieht.
Bevor du beim nächsten Mal noch mehr erklärst, argumentierst oder Druck machst, frag dich:
Manchmal liegt das Problem nicht darin, dass Menschen nicht wollen.
Sondern darin, dass nie wirklich geklärt wurde, warum sie mitziehen sollten.
Das ist für mich Führungsklarheit.